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Der Traum von der Einheit von Leben und Arbeit

Es gibt 5-Sterne-Jobs, aber nicht im Stellenanzeiger

von Thomas Diener

Arbeit empfinden wir in der Regel als Mittel zum Zweck des Geldverdienens. Dass sie aber auch ein Uebungsfeld für die Lebenskunst sein könnte, ein Weg zur Selbstverwirklichung oder ein Beitrag für eine bessere Welt, fällt uns bei der Lektüre der Stellenanzeiger kaum auf. Dort finden sich nämlich die gesuchten 5-Sterne-Jobs nicht.

Nach der Gründung der Oeko-Stellenbörse 1989 überraschte mich zunächst, wie viele Menschen mit ihrer Arbeit unzufrieden waren. Als junger Erwachsener meinte ich noch, die Unzufriedenheit und Unruhe, die mich bei der Lektüre von Stellenanzeigern überkamen, sei mein ganz privates Problem.

Seit 1990 leite ich jetzt Kurse für Menschen, die sich beruflich verändern wollen. Dabei wird mir zunehmend das Ausmass des "normalen Wahnsinns" unserer Arbeitswelt bewusst.

Wandel als Chance

Der gesellschaftliche Wandel bringt jedoch auch einen Umbruch in der Arbeitswelt mit sich. Der Blick in die Stellenanzeiger widerspiegelt dabei allerdings nur ein Teil der Realität des vielfältiger gewordenen Arbeitsmarktes. Neben den üblichen Wegen für eine berufliche Karriere gibt es auch viele Schleichwege durch einen ganzen Dschungel von Möglichkeiten.

Wenn wir die ausgetrampelten Pfade verlassen und Neuland betreten, werden wir vorerst eine erhöhte Wachsamkeit gegenüber Ungewöhnlichem entwickeln. Neu Signale fordern uns zu grösserer Aufmerksamkeit heraus und Unbekanntes wird plötzlich sichtbar.

Neue Horizonte

Neue Horizonte eröffnen, heisst zunächst die richtigen Fragen stellen:
- Wie sieht mein persönlicher beruflicher Alltag aus?
Wir sind alle einmalige Menschen, haben aber unsere Berufswahl nicht unabhängig von unserem familiären Umfeld getroffen. Unsere Eltern hatten Pläne mit uns und Vorstellungen davon, wie wir sind. Viele von uns wurden nicht darin unterstützt, einen Beruf zu wählen, der unserem Wesen entspricht.
- Wo liegen meine Stärken?
Oft braucht es Mut zum Eingeständnis, dass einem gewisse Dinge leichter von der Hand gehen als andere. Die Entdeckung von Arbeit, die auch Energie geben kann und nicht nur Energie verbraucht, kann ein Schlüsselerlebnis sein, das Mut zum Träumen und Wünschen generiert. In jeder Arbeitswelt gibt es Bereiche, in denen wir uns wohl fühlen und andere, die uns gegen den Strich gehen.
- Wohin will ich?
Irgendwo in der weiten Berufswelt gibt es wahrscheinlich ein Arbeitsumfeld, dass zu unserem Wesen passt. Ich teile Tätigkeiten in fünf Kategorien ein.

Der Griff nach den Sternen

* Es gibt Menschen, die kommen in ihrer Arbeit nicht über das hinaus, was ich einen 1-Sterne Job nenne: Sie überleben ihre Arbeit. Das ist keine Schande. Wir alle können in Situationen kommen, in denen wir gezwungen sind, den nächstbesten Job anzunehmen, um das Geld für unser überleben zu verdienen. Manchmal ist auch die Anfangszeit in einem neuen Umfeld besonders Mühsam. Meine ersten Tage als Kuhhirt auf einer Alm habe ich überlebt. Später hat die Arbeit Spass gemacht.

** Die meisten Menschen, die ich kenne, sind bei einer 2-Sterne Stelle gelandet: Sie haben sich eingerichtet. Natürlich kann man sich besser oder schlechter einrichten. Es gibt da jedoch auch bei Menschen, die sich gut eingerichtet haben einen Haken: Sie können sich oft gar nicht mehr vorstellen, dass Arbeit etwas anderes sein könnte, als ein notwendiges Uebel.

*** Menschen, mit einer 3-Sterne Arbeit erfahren da schon mehr Qualität: Sie sind wirklich gut in dem, was sie machen und sie haben Spass daran. Wenn Sie zu dieser Kategorie gehören, spielen Sie schon im oberen drittel des Arbeitsmarktes.

**** Die 4- Sterne Tätigkeit geht noch einen Schritt weiter Hier wird die Arbeit zum Uebungsfeld einer Lebenskunst. Die Tätigkeit hat nicht mehr nur etwas mit Ihren Eignungen und Neigungen zu tun. Ihr individuelles Wesen tritt immer klarer hervor und Ihre Persönlichkeit wächst ganzheitlich mit den Herausforderungen. Die Kultivierung einer Tätigkeit oder eines Handwerks zu einer Lebenskunst beobachten wir in allen Kulturen und zu allen Zeiten. Bei unseren offiziellen Ausbildungen und individuellen Laufbahnentscheidungen kommt dieser Wert der Arbeit jedoch eindeutig zu kurz.

***** Das 5 Sterne Leben ist weit weg vom allgemeinen Arbeitsbegriff: Hier gibt es eigentlich gar kein "Arbeiten" mehr. Die Arbeit ist zu einem Teil der Persönlichkeit geworden. Es gibt keinen Unterschied zwischen Arbeit und Nichtarbeit; wir leben einfach.

Ja, aber

Die gute Nachricht zuerst: Es gibt Menschen, die bei 4- oder 5-Sternen angekommen sind! Einige kenne ich persönlich. Die schlechte Nachricht: Sie werden diese Arbeit nicht in einem Stellenanzeiger finden. Warum nicht? Ihre individuellen Werte und Fähigkeiten können nur in einem kommunikativen Prozess mit den Bedürfnissen und Möglichkeiten einer Organisation in Einklang kommen. Das setzt von Anfang an viel Eigeninitiative voraus. Sie zeigen sich dabei persönlicher, als das bei standardisierten Stellenbewerbungen üblich ist.



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