Werkstatt / Texte



    "Einer der wesentlichsten Faktoren aller Künste, die in Japan und wahrscheinlich auch in anderen fernöstlichen Ländern ausgeführt werden, ist die Tatsache, dass sie keinen nützlichen Zwecken dienen, auch nicht zum rein ästhetischen Vergnügen gedacht sind, sondern einen Schulung des Bewusstseins bedeuten und dieses in Beziehung zur letzten Wirklichkeit bringen. So wird Bogenschiessen nicht allein geübt, um die Scheibe zu treffen, das Schwert nicht geschwungen, um den Gegner niederzuwerfen; der Tänzer tanzt nicht nur um rhythmische Bewegungen des Körpers auszuführen, sondern vor allem soll das Bewusstsein dem Unbewussten harmonisch angeglichen werden."
    Daisetz T. Suzuki

    Zen in der Kunst des Projektmanagements

    von Thomas Diener

    Wir arbeiten, um Geld zu verdienen. Punkt. Dagegen ist gar nichts einzuwenden. Arbeiten wir jedoch allein um des Geldes willen? Wohl kaum. Warum also noch? Die Verbindung von Projektmanagement und Zen-Buddhismus versucht darauf eine Antwort zu geben. Nicht DIE Antwort. Aber immerhin eine mögliche.

    Wir haben alle viel gelernt darüber, wie Projekte geplant und durchgeführt werden müssen. Meist vergessen wir diese Techniken nach einer Weile wieder und wenden uns dem zu, was funktioniert. Eine ähnliche Erfahrung in extremer Form müssen die Schwertmeister im alten Japan gemacht haben. Wenn es um Leben oder Tod geht, sind "guten Ideen und clevere Techniken" keine gute Idee. Hilfreich ist die totale Präsenz im Moment und dabei müssen alle Ziele, Tricks und Techniken vergessen werden. Wir führen dann nicht mehr das Schwert, sondern das Schwert führt uns. Dabei geben wir unsere bewusste Kontrolle auf. Natürlich gab es auch in Japan eine "Technik" des Schwertkampfes und natürlich war es für einen Samurai wichtig, diese zu beherrschen. Wer jedoch an der Technik kleben blieb, war kein Meister des Schwertes.

    Ich kann mich in diesem Zusammenhang an einen Verkäufer erinnern, der einmal einen Kurs gemacht hat, in dem er lernte "richtige" Fragen zu stellen. "Wer fragt der führt," wurde ihm beigebracht. Diese Schulung war ihm auch nach fünf Jahren noch anzumerken. Er hatte sich eine unechte und geradezu penetrante Art des Fragens angewöhnt. Um es kurz zu machen: Dieser Mann hatte gewisse Erfolge im Verkauf, aber sein Beruf machte ihm keinen Spass.

    Zen-Künste

    Wir wissen, dass in Japan so unterschiedliche Traditionen wie der Schwertkampf, das Blumen schmücken, die Kalligraphie und das Tee trinken gepflegt werden. All diese zeremoniellen Künste können mittlerweile auch bei uns gelernt werden. In jeder grösseren Stadt gibt es ausserdem mindestens ein Dojo (Übungshalle) wo Europäer und Europäerinnen Zazen (Meditation im Sitzen) praktizieren. Im Prinzip zielt Zen jedoch immer auf den konkreten Alltag. Zen ist das "tägliche Bewusstsein", wie Baso Matu (gestorben 788) es ausdrückt.

    Warum sollen wir uns also für das Verständnis von Zen einer exotischen Zeremonie zuwenden? Zur Zeit der Samurai in Japan waren Fechten und Bogenschiessen alltägliche Tätigkeiten. Daher wurden sie damals aufgegriffen und zu Zen-Künsten verfeinert. Heute gibt es bei uns immer mehr Menschen, die als selbständig Erwerbende, in Arbeitsteams oder als Freiberufler sehr viel Einfluss auf die Gestaltung ihrer Arbeitsabläufe nehmen können. Daher ist die Projektarbeit ein Ideales Vehikel für den Zen-Geist. Wir haben die Wahl, ob wir "das Bogenschiessen allein üben, um die Scheibe zu treffen", oder ob uns eine innere Entwicklung interessiert.

    Schon wieder eine neue Management-Technik?

    Projekt-Zen ist keine neue Managementtechnik. Zen verspricht keine spektakulären Erfolge. Projekt-Zen ist eine Schulung des Geistes, des Bewusstseins. Für die harten Rechner unter den LeserInnen: Obwohl die Zen-Künste keinem nützlichen Zweck dienen, zeigen sie oft Resultate, die weit über das hinausgehen, was mit eindimensionalem Zweckhandeln erreicht werden kann. Projekt-Zen lockt also durchaus mit konkreten Erfolgen. Sie zu verwirklichen - und das ist eine paradoxe Tatsache - ist jedoch nicht möglich, wenn unser "kleines Ich" an den Resultaten hängt

    Projekt-Zen stellt zuerst einmal alle Lehrbuchideen auf den Kopf. Was bleibt von unseren Projekten übrig, wenn wir sie nicht als zielorientiert betrachten, wenn wir aufgeben, bewusst steuern zu wollen und alle Technik, die wir natürlich vorher intensiv geübt haben (freilich ohne dabei an ein "Resultat" zu denken) über Bord kippen? Ein Desaster, werden Sie jetzt wahrscheinlich antworten. Das Wesentliche, würde ich behaupten. Im Projekt-Zen gehen wir davon aus, dass wir letztlich nicht wissen können, worum es in unseren Projekten geht. Je nachdem, durch welche Brille wir schauen, werden wir ganz verschiedene "Realitäten" wahrnehmen. Wen wir unser Projekt unter dem Kriterium der Ökonomie ansehen, betrachten wir Gewinn und Verlust.

    Schauen wir es unter dem Kriterium der Organisationsstruktur an, sehen wir Vorgesetzte und Untergebene. Wir können diese Liste beliebig fortsetzen, ohne das Phänomen "Projekt" auszuschöpfen. Ein Projekt ist genauso geheimnisvoll wie das Leben an sich und wie dieses entzieht es sich letztlich der bewussten Kontrolle. Die moderne Systemtheorie bestärkt diese alte Erfahrungstatsache: Wir können komplexe Prozesse (und jedes grössere Projekt ist ein komplexer Prozess) nicht steuern. Vor diesem Hintergrund ist es wohl das vernünftigste unsere Handlung noch nach anderen Massstäben als der vordergründigen Vernunft auszurichten. Projekt-Zen heisst vor allem einen "Anfängergeist" zu bewahren. Wenn es uns gelingt neugierig, unvoreingenommen und offen auf unsere Intentionen, Handlungen und Projekte zu schauen, entdecken wir vielleicht nicht nur einen besseren, müheloseren Weg, sondern auch - ganz nebenbei - uns selbst neu.

    Im Prinzip geht es mir darum, den Qualitäten Raum zu geben, die auch dann noch relevant sind, wenn wir die äusseren Ziele nicht als das Wichtigste betrachten. Wenn es uns nicht mehr darum geht Anerkennung für unsere Arbeit zu bekommen oder besser zu sein als Andere. Was bleibt, ist die Freude an der Arbeit, Spontaneität und (buddhistische) Qualitäten wie Gelassenheit und Mitgefühl. Unsere tägliche Arbeit kann dadurch möglicherweise effizienter werden. Auf jeden Fall werden wir eine ganz neue Quelle der Motivation entdecken: Im Projekt-Zen ist der Sinn und das Ziel der Arbeit ... die Arbeit.

    Kurs zum Thema: Zen in der Kunst des Projektmanagements



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