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Die Qual der Wahl

von Thomas Diener in Zusammenarbeit mit Ulrike Harder

Wir tun uns fast alle schwer mit Entscheidungen. Manchmal geraten wir geradezu in Panik und fühlen uns in einer Zwickmühle gefangen, wenn wir wichtige Entscheidungen treffen müssen. Oft löst sich die Zwickmühle auf, wenn es uns gelingt, das eine Thema hinter einem Dilemma zu finden.

Eigentlich fällen wir ja in jedem Moment völlig mühelos eine Entscheidung nach der anderen. Soll ich dieses oder jenes Menu aus der Speisekarte auswählen, diese oder jene Arbeit zuerst anpacken? Entscheidungen auf Schritt und Tritt...

In den Praxen von Coaches und BeraterInnen tauchen natürlich andere Arten von Entscheidungsprozessen auf. Solche mit schwereren Konseqenzen und weitreichenderen Folgen. Wir stellen das nicht in Abrede. Aber manchmal tun sich unsere KlientInnen auch schwerer als nötig. Spätestens wenn unsere Entscheidungsschwierigkeiten uns in einer Form von unzufriedener Lethargie gefangen halten, lohnt es sich hinzuschauen, was genau unsere Entscheidungsprozesse behindert.

Wir möchten hier ein Phänomen dekonstruieren, das im Zusammenhang mit Entscheidungsschwierigkeiten auftritt und eine lustvollere Art vorstellen, mit Entscheidungen umzugehen.

Der Gott der falschen Entscheidung

Gibt es einen Vorgang, der uns immer wieder in einen Zustand bringt, aus dem heraus wir keine sinnvollen Entscheidungen treffen können? Die "Entscheidungs-Unfähigkeits-Trance" wird dabei oft von einem Glaubenssystem ausgelöst, dass unreflektiert im Hintergrund wirkt. Der Ablauf könnte etwa so aussehen:

Die Entscheidung wird in einem Prüfungsraum gefällt. Uns gegenüber sitzt der Gott der falschen Entscheidung. Er ist furchteinflössend und die Beklemmung, die uns in diesem Raum befällt, macht es schwierig, entspannt und lustvoll an Entscheidungen zu arbeiten. Er präsentiert uns zwei Möglichkeiten und diktiert uns, die Richtige zu wählen.

Natürlich ist dieses Setting falsch: Erstens ist es nicht gesagt, dass es nur zwei Möglichkeiten gibt, zwischen denen wir uns entscheiden können. Zweitens wäre zu ergründen, warum wir uns überhaupt entscheiden müssen. Und drittens könnte es ja auch sein, dass es mehrere richtige, oder auch mehrere falsche Entscheidungen gibt. Das einfache entweder oder - das klassische Dilemma - nimmt uns vorschnell gefangen.

Wenn wir diese erste Voraussetzung nicht mutig hinterfragen, sind wir in der Zwickmühle und erlauben dem Gott der falschen Entscheidung, seinen zweiten Trumpf auszuspielen. Er sagt: "Ich werde dir nicht sagen, welche Entscheidung die richtige ist (er weiss es ja selber nicht), aber wenn du die falsche triffst, wird das schwerwiegende Folgen haben."

Spätestens jetzt sind wir definitiv im Prüfungsstress: Wir werden Liste um Liste mit Pro und Contras erstellen, einzelne Punkte gewichten und versuchen, objektive Kriterien herauszuarbeiten. Dabei werden wir feststellen, dass bei jedem Durchgang ein anderes Resultat herauskommt. Die Gleichung will einfach nicht aufzugehen! Dabei gilt auch hier wieder: Das Hinterfragen des Rahmens gibt uns die nötige Freiheit, um befriedigende Entscheidungen zu treffen.

Stimmt es wirklich, dass es keine Hinweise gibt, welche Entscheidung die richtige ist? Oft gibt es eine "innere Stimme" die sehr genau weiss, was gut für uns ist. Meist ist sie jedoch eher leise und unter Stress fast nicht wahrnehmbar. Das Beste was wir tun können, ist also erst mal zu entspannen und auf unser Körpergefühl zu hören. Angenehme Körperwahrnehmungen wie zB. Wärme im Bauch oder ein Gefühl von Weite werden auch somatische Marker genannt. Sie sind nachweislich gute Entscheidungshilfen.

Auch die zweite Annahme ist nicht unbedingt zutreffend: Meist können wir ganz gut mit der einen oder anderen Entscheidung leben. Es gibt bei allen Szenarien Aspekte, die uns glücklich machen können und solche, die uns unangenehme Momente bescheren. Viele Entscheidung können auch rückgängig gemacht werden, wenn wir merken, dass wir wirklich in eine falsche Richtung gegangen sind. Diese Umwege sind oft sogar wichtige Erfahrungen und haben ihren ganz eigenen Wert.

Das eine Thema hinter der Zwickmühle

Wenn es uns gelingt aus diesen Zwickmühlen herauszukommen, eröffnet sich uns ein ganz neuer, spannender Raum. Jetzt geht es nicht mehr um die Frage: Richtig oder Falsch, sondern darum, zum Thema vorzudringen, das hinter der Fragestellung liegt. Hinter fast jeder "Entscheidungs-Unfähigkeits-Trance" steht ein Wachstumsthema. Dieses gilt es herauszuarbeiten. Da stellt sich ein Klient zum Beispiel die Frage, ob er seinen Job kündigen, oder an der Stelle weiterarbeiten soll. Natürlich könnte man sagen, es geht hier darum Sicherheit gegen Abenteuer abzuwägen. Das Thema im Hintergrund war jedoch noch mal ein ganz anderes: Es fiel ihm schwer, sich gegen Ansprüche anderer durchzusetzen. Sein grösstes Problem in der Arbeit war, dass ihm seine TeamkollegInnen immer wieder Arbeiten aufbürdeten, die er eigentlich gar nicht machen wollte (und auch nicht hätte machen müssen). Diese zwangen ihn, ständig Überstunden zu leisten. Auf der anderen Seite gab es auch den Anspruch seiner Familie: Sein aktueller Job war recht gut bezahlt und seine Frau befürchtete, dass er in einem Anfall von Frust spontan seine Kündigung einreichen könnte und nie mehr eine Tätigkeit finden würde, die gleich gut bezahlt war. Sein Thema war also ganz offensichtlich: Wie kann ich mich besser durchsetzen

Vor diesem Hintergrund bekam der Entscheidungsprozess einen ganz neuen Rahmen. Er konnte sich jetzt fragen, wie seine Arbeit aussähe, wenn er sie dazu nutzen würde, an seinem Thema zu arbeiten. Wie kann er lernen, besser mit den Erwartungen und Ansprüchen anderer umzugehen. Falls er sich entscheidet, in seinem Job zu bleiben, wird er lernen müssen, sich besser abzugrenzen und seinem Chef und seinen ArbeitskollegInnen manchmal mit einem klaren "Nein" entgegenzutreten.
Wenn er eine berufliche Veränderung - die vielleicht tatsächlich mit einer Lohneinbusse verbunden sein könnte - ins Auge fasst, wird er das vor seiner Partnerin vertreten müssen. Plötzlich wird klar: Das Thema hinter der Zwickmühle kann er in verschiedenen Settings bearbeiten. Welches er schliesslich wählt, ist weitgehend Geschmacksache. Es ist nicht mehr die Wahl zwischen zwei angstmachenden Optionen, sondern diejenige zwischen mehreren Möglichkeiten, die ihn alle persönlich wachsen lassen und damit seine Lebensqualität erhöhen.

Jetzt können wir auch das Gute hinter dem "Gott der falschen Entscheidung" sehen. Eigentlich forderte er nicht: "Entscheide dich zwischen A oder B", sondern "Egal für welchen Weg du dich entscheidest, um einen Wachstumsprozess kommst du nicht herum." Er flösste uns Angst ein, weil er dieses eine Thema in seiner verhüllten Form repräsentierte. Wenn es uns gelingt, das Wachstumsthema bewusst zu machen und uns aktiv entscheiden, einen Schritt weiter zu gehen, gewinnen wir einen ganz neuen Handlungsspielraum.



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FairWork GmbH, Laufbahnberatung - Coaching - Supervision, Zürich / Wien